Unterwegs in Namibia
Das sind Udo, der leider nicht mehr unter uns weilt – ich ihn aber gerne noch mal erwähnen möchte – und ich, der Oti. Mit dem Udo sollte ich einen winzigen Teil unseres Planeten bereisen, wie: zweimal Afrika, einmal Südamerika und sogar Russland. Wir kannten uns schon aus Schirkanyen, aber nur über eine Handbewegung. Nach vielen Jahrzehnten sollte es sich aber ändern. Wir sahen uns bei der Friedchen in Offenburg. Ob es nun ein Geburtstag, Sylvester oder eine andere Feier war, weiß ich nicht mehr. Wir unternahmen auch Herbstwanderungen, die wir über Tage erlebten und in älteren Gaststätten wohnten. Welch eine schöne Zeit wir damals erlebten, die auch mir unvergesslich in Erinnerung blieb. Gleich merkten wir zwei, dass wir Gemeinsamkeiten hatten: und zwar das Reisen, Sehen und Erkunden auf mehreren Kontinenten. Sogar in der Politik waren wir auf derselben Wellenlänge.

Schon im September 2006 unsere erste Reise, natürlich noch zu viert, unser Ziel: die Republik Namibia. Welch eine Tierwelt wir da sehen sollten in etwa drei Wochen, aber auch die Trockenheit, ja Dürre, in der die Menschen dort lebten. Auf all unseren Reisen war der Udo derjenige, der dann auf den Flughäfen ein Wägelchen oder ein Taxi ergatterte. Nicht überall selbstverständlich, wo wir überall waren. So kam es auch in Windhoek (sprich Windhuk) in der Hauptstadt Namibias. Der Fahrer unseres Taxis war sogar ein Europäer, mit dem wir uns während der Fahrt in unserer Muttersprache unterhielten. Wir vermuteten ihn als einen Namibia-Deutschen. Von dieser Minderheit soll es 30.000-35.000 geben. Sie leben aber verstreut in diesem riesigen Land, pflegen trotzdem Sitten und Bräuche, sagte uns der Fahrer. Während unserer Fahrt in die Hauptstadt fragte uns der Fahrer, von wo wir aus Deutschland denn kämen? Der Udo, oder Rosemarie, sagten dann: „Neckargemünd“. Wir waren überrascht, als er sagte: „Ist mir bekannt“. Nun waren Susanne und Oti dran. Bei uns wurde es dann richtig heiter. Ob ihm vielleicht das badische Städtchen Lahr was sagt, fragten wir? Stürmisch war seine Antwort: „Da passt aber ihr Dialekt nicht zu diesem Ort. Denn ein richtiger Lahrer bin ich“. Der Mann, so um die 40, war ausgewandert, obwohl er bei der Volksbank arbeitete. „Der Stress hat mich bewegt, den gibt es hier nicht“, sagte er. „Mit vier Gebrauchtwagen, die ich mitgebracht habe, gründete ich ein Taxiunternehmen und führe ein ruhiges Leben. Mit meiner Ehefrau und Kindern, diese besuchen eine deutsche Schule, mit Internat, von diesen Stellen gibt es ein paar im Land. Wobei die Lehrer aus Österreich, der Schweiz oder aus Deutschland kommen. Die deutsche Bevölkerung von hier bezahlt diese Lehrkräfte aber privat, da macht der Staat mit nicht mit, auch nicht beim Erscheinen der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, der einzigen auf dem Kontinent“, sagte unser Fahrer, in deutscher Sprache.
Unser Reiseleiter war auch unser Fahrer von unserem besonderen Bus. Es war der Namibia-Deutsche, dessen Großvater aus Köln stammte. Peter Weilbecher, ein Kenner in seinem Fach. Seine Eltern waren Viehzüchter. Mit dem Peter erlebten wir eine Traumreise, etwa 3 Wochen lang. Kurz erwähne ich auch die Ausstattung von unserem Bus, denn so einen werde ich nie mehr erleben, vorne hatten wir sogar einen Kühlschrank. Dort lagerten unsere Fläschchen mit gekühltem Trinkwasser. Fürstlich war die Reise, die Klimaanlage selbstverständlich. Liebe Schirkanyer, so eine Reise kann ich empfehlen. So fuhren wir weit über 3000 km im Land umher und erlebten die einmalige Tierwelt. So sahen wir außer dem Tiger, all die Tiere, die es auf dem Kontinent gibt. Der reichste Platz, oder Gebiet: ist der „Etosha Nationalpark“ im Nordwesten des Landes. Der Reiseleiter weiß natürlich, wie und wo man diese Tiere dann sehen kann, sagte aber: „Wir müssen aber auch ein bisschen Glück haben“. Das wurde uns beschert. Bei den Wasserstellen, fast nur Tümpel, kommen dann die Fleisch- und Pflanzenfresser zur Tränke. Ja, die Hitze zwingt sie. Beide Tierarten sind aber etwas entfernt. Ich versuche so eine Szene zu beschreiben, wo die Löwen angriffen, wir sehen es aus unserem Bus etwas entfernt. Als wir bei so einem Wasserloch ankamen, sahen wir etwa sechs bis sieben Löwen, sie kühlten sich am Rand. Von der anderen Seite kamen die Pflanzenfresser, allerhand Antilopenarten. Die Löwen rührten sich aber nicht. Die Herde war ständig in Bewegung und sie näherte sich. Da sagte Peter: „Es wird für die Löwen ein Angebot geben“. Und wir konnten es aus unserem hohen Bus sehen. Plötzlich nur eine Staubwolke; als sie sich legte, standen die Löwen alleine da, aber ohne Beute. „Warum? – fragte uns der Reiseleiter. Er antwortete dann, weil er es wusste. „Schauen sie sich die kurzen Mähnen dieser Raubkatzen an, sie sind noch zu jung und unerfahren, darum gingen sie leer aus“. Bei einem anderen Tümpel, etwas tiefer, wir sahen es an den Füßen der Tiere, da waren Elefanten und Nilpferde zu sehen, aber auch Löwen. Hier war die Trinkreihenfolge eine andere, die Löwen waren die letzten. So beobachteten wir auch die Giraffen bei der Futtersuche und Tränke. Ihr Lieblingsfressen sind die Schirmakazien, diese Bäume sind niederer als die Giraffe, mit ihren 5,7m. So holen sie sich, zwischen den Dornen locker, ohne sich zu verletzen ihr Futter. Ein ganz besonderer Anblick bot sich da mit diesen Tieren, wir sahen oft nur die Köpfe, die sich da über den Bäumen und Sträuchern bewegten, ja ihre Höhe. Bei der Tränke dann eine Plage für sie, sie müssen mehrmals die Beine spreizen, um die Höhe zu verringern, damit sie trinken können. Auch während der Fahrt sahen wir immer Tierarten. Peter musste dann ausholen, wenn sie die Straße überquerten, ob es nun Strauße, Elefanten, Perlhühner oder andere Tiere waren. Rührende Szenen erlebten wir auch mit diesen niedlichen Springböcken. Sie sprangen eine Weile neben unserem Bus, wie auf Bestellung, als wollten sie uns begrüßen.
Wie und wo wohnten wir? In sogenannten Lodges; wir staunten, was diese Gaststätten uns anboten, vor allem an Essen. Ich wählte mir von allem, auch Krokodilfleisch, es ist weiß und schmeckt hervorragend. Die Besitzer dieser Unterkünfte sind aber Europäer.
Das Land ist spärlich besiedelt, man fährt weit über 100 Kilometer, bis man eine Siedlung findet. Auch merkten wir, dass Peter über Tage fuhr, ohne zu tanken. Wir fragten, wie das möglich sei? Er antwortete, dass das ein Sonderbus sei, mit 1000l Treibstoff und auch Trinkwasser in seinem Bauch. Ein jeder hatte die Pflicht, sich mit Trinkwasser zu versorgen, sobald er was kaufen konnte. Es wurde im Kühlschrank verstaut. Anhand von verschiedenfarbigen Schnüren, die uns Peter gab und die wir an die Trinkfläschchen banden, konnte jeder seine Flaschen erkennen.

Nach Tagen erreichten wir Swakopmund, die größte „deutsche Stadt“ des Landes und auch der bedeutendste Hafen. Während die anderen drei eine Schifffahrt auf dem Atlantik machten, widmete ich mich dem Deutschtum. Beim Spaziergang durch die Kaiser-Wilhelm-Straße entdeckte ich in der Auslage einer Konditorei diese Anzeige: „Heute Schwarzwälder Torte“ und ich gönnte mir ein Stück. Ich fragte die Verkäuferin nach einem Deutschen von da, der mir ein bisschen das Land näherbringen könnte. Darauf holte sie ihren Vater, dessen Vorfahren aus Ostpreußen stammten, Viehzüchter war, aber inzwischen alles in die Hände seiner Söhne weitergegeben hatte. Die Hauptquelle der Wirtschaft des Landes ist die Fleischindustrie. Diese liegt überwiegend in den Händen der weißen Bevölkerung, die allerdings nur 3% beträgt. Es sind hauptsächlich die Nachkommen von Deutschen, Engländern und Niederländern. Um rentabel zu sein, hat so eine Farm nicht weniger als 1000 Kühe, wurde mir erzählt.
Bei unserer 2. Afrikareise 2011, die Udo und ich mit einer Gruppe unternahmen, besuchten wir im Osten des Landes so eine Farm, von Viehzüchter Fink. Er hatte diese braunen, hornlosen Kühe, die keine Milchkühe waren. Ihr Weideland hatte gelbes Gras, das fast wie Heu aus dem gelben Sand wuchs. Die Tiere waren es gewöhnt. Wasser bekamen sie über sogenannte Lamellenbrunnen, 10-15 m hoch, in mehreren Schichten. Von irgendeiner Seite bläst der Wind hinein und bewegt das Pumpsystem, das Wasser aus einer Tiefe von 80 m und mehr holt, welches dann in Brunnentröge fließt. Grünes Gras gibt es nur im Nordosten des Landes, im sogenannten „Caprivi-Streifen“. Da fließt der Cobe-Fluss, auf dem wir eine Schifffahrt unternahmen. Es wimmelte nur so von Krokodilen.
Ich wollte noch vom Reiseleiter wissen, wie so eine kleine Minderheit im Land bestehen kann. Er antwortete: „Wir leben nebeneinander, achten uns aber, pflegen Sitten und Bräuche, haben die deutsche Kultur mitgebracht und singen alle Strophen der deutschen Hymne beim Oktoberfest. Bei uns sind keine Auswanderungen bekannt. Eher im Gegenteil“! Ich erzählte ihm von unserem aus Lahr stammenden Fahrer. Nach wieder einer Weile Fahrt erreichten wir das Städtchen Lüderitz, an der Grenze zu Südafrika. Adolf Lüderitz, ein Bremer Kaufmann legte den Grundstein von Deutsch-Südwestafrika 1883. Die Kolonie bestand bis zum 1. Weltkrieg. Und welch ein Wunder – auch das erste fließende Gewässer seit langem, das mir zwar kaum die Knöchel bedeckte, aber wir konnten uns endlich unsere Füße kühlen.
Auch in diesem Städtchen konnten wir uns mit Leuten unterhalten. Was uns besonders auffiel, die Straßennamen: Amsel. Lerche, Nachtigall…
Über die Ortschaften Görlitz, Hammerfest und Oberschlesien usw. erreichten wir wieder Windhoek. Nach 9 Stunden Flug kamen wir in Frankfurt am Main an, voll beladen mit Erinnerungen, die mir fürs Leben geblieben sind, vermutlich auch Rosemarie.
Nun ist alles Vergangenheit, denn das Alter hat uns nun fest im Griff. Ob ich den Udo nochmal erwähnen werde, in Südamerika, steht in den Sternen. Nach einer Lebensmittelvergiftung, von der er verschont blieb, war er mein Arzt. Mit einer Art geröstetem Brot brachte er mich wieder auf die Füße. Im Hochland von Bolivien gab es keinen Arzt; wehe, wenn es Udo nicht gegeben hätte.
Liebe Schirkanyer, all meine Reisen, mit und ohne Udo, habe ich aufgeschrieben. So holte ich diese Erzählung einfach aus der Schublade.
Euer Afrika-Erzähler Oti (Otmar Schabel Ehemann der verstorbenen Susanne Schabel geb. Roth)
August 2025

